Wir haben nicht die Kapazitäten und nicht den Anspruch politische Themen in all ihrer Komplexität zu diskutieren und zu einem Konsens zu kommen. Dies findet in anderen Kontexten statt, in denen wir organisiert sind. Es gibt eine große Fluktuation in der Gruppe und unsere gemeinsame Arbeit ist von den Notwendigkeiten geprägt, die die Organisation eines großen Camps mit sich bringt.
Das System Change Camp will Diskursräume öffnen. Wir halten solidarischen Streit über politische Themen für wichtig und haben den Eindruck, dass die Bereitschaft dazu eher abnimmt. Eine Kultur des solidarischen Streitens zu fördern halten wir für wichtig und sind uns bewusst, dass es herausfordernd sein kann, mit anderen politischen Meinungen konfrontiert zu werden. Wir verstehen uns vor allem als eine Gruppe, die verschiedenen Bewegungen durch die Organisation des Camps einen Raum bietet. Unser Ziel liegt in der Stärkung von Gemeinsamkeiten und dem Fördern der Fähigkeit, auch Widersprüche auszuhalten.
Wir müssen akzeptieren, dass das Camp als offener Ort kein Safe(r) Space für alle Menschen darstellen kann.
Beim Programm sind die Beitragsbeschreibungen meist das einzige, was wir inhaltlich von einer Einreichung kennen. Wir können nicht leisten, bei jedem Beitrag Hintergrundrecherchen zu machen. Gleichzeitig ist es uns auch wichtig, auf dem Camp Diskursräume zu öffnen und als Linke miteinander zu reden. Auch mehr und mit diverseren Meinungen, als es anderswo passiert. Für die konkreten Inhalte sind aber die Gruppen und Referent*innen selbst hauptverantwortlich und daher ist auch inhaltliche Kritik dort am Besten aufgehoben. Dies trifft insbesondere auf die Open Spaces zu, da wir als Camp-Orga da überhaupt keine Informationen im Vorfeld über den Inhalt haben.
Aber auch für uns ist es wichtig zu erfahren, wenn es doch Gruppen/Referierende oder Beiträge ins Programm geschafft haben, die dem Kampf für eine befreite Gesellschaft entgegenstehen. In einem solchen Fall werden wir uns mit der Kritik auseinandersetzen, um für die kommenden Jahre daraus zu lernen und eventuelle Konsequenzen zu ziehen.
Die roten Linien entstehen vor allem dort, wo es unserem Eindruck nach kein geteiltes Grundverständnis zu gewissen Werten oder Vorstellungen von Transformation und/oder Utopie gibt. Anders gesagt: Wenn philosophisch-theoretische Grundhaltungen zu weit auseinanderliegen, ist solidarischer politischer Streit für uns zumindest im Rahmen eines Camps nicht möglich. Rote Linien können ebenfalls aus unseren Erfahrungen in der praktischen Arbeit entstehen. Wenn in der Vergangenheit wiederholt die Erfahrung gemacht wurde, dass eine konstruktive Zusammenarbeit nicht gelungen ist, kann dies ebenfalls eine rote Linie für eine Zusammenarbeit für uns darstellen.
In diesem Kontext ist ein weiterer Punkt relevant:
Einige Menschen in der Camp-Orga arbeiten häufig über Wochen und Monate am Limit und vor allem der Zeitraum direkt um das Camp herum und das Camp selbst sind große Belastungen. Unser Ziel, einen vielfältigen und damit kontroversen Raum zu eröffnen und die Erfahrung, dass Eskalationen an der Organisation beteilitgte Menschen über Belatungsgrenzen bringen und in ihrem psychischen und physischen Wohlergehen ernsthaft gefährden können, stellen für uns ein Spannungsfeld dar. An dieser Stelle erwarten wir von allen Beteiligten einen solidarischen Umgang, der berücksichtigt, dass wir nicht uneingeschränkt bereit sind, uns kaputt zu machen, damit in dem kurzen Zeitraum des Camps jeder Konflikt ausgefochten werden kann. Wir verstehen, dass dies schmerzvoll und schwer auszuhalten sein kann, vor allem wenn der Eindruck besteht, dass das betreffende Thema auch anderswo nicht den Raum bekommt, der notwendig wäre.
Wie gesagt besteht hier ein Spannungsfeld daraus, dass wir auch kontroverse Gesprächsräume öffnen wollen und gleichzeitig nicht die Kapazitäten und Fähigkeiten haben, das an jeder Stelle zu tun. Hier freuen wir uns über die zahlreichen anderen Camps, Kongresse, Demonstrationen usw., die mit spezifischeren Schwerpunkten andere Räume eröffnen können als wir.
Einige dieser roten Linien wollen wir hier transparent machen. Diese Aufzählung hat nicht den Anspruch, alle unsere roten Linien zu benennen, da diese immer wieder erst an konkreten Auseinandersetzungen deutlich werden. Sie soll aber allen Beteiligten eine Orientierung bieten, was wir als Camporga nicht mittragen bzw. für was keine Verantwortung übernehmen wollen:
Autoritäres Verhalten
Wir vertreten eine antiautoritäre Grundhaltung und kämpfen für eine hierarchieärmere Welt. Das erwarten wir auch von allen Teilnehmenden des Camps.
Das Camp ist ein Ort der Diskussion und des pluralistischen Austauschs. Verschiedene Gruppen sollen hier gleichberechtigt Raum einnehmen können und auch gerne durch Symbole und/oder Gespräche für Menschen sichtbar sein. Allerdings soll keine Gruppe den Diskurs dominieren oder den Charakter des Camps durch das übermäßige Zeigen von Organisationssymbolen oder Fahnen zu stark prägen. Wir möchten einander ehrlich und auf Augenhöhe begegnen.
Wenn Organisationen das Camp für ihre Zwecke ausnutzen und Campprozesse instrumentalisieren bzw. vereinnahmen, überschreitet das für uns eine klare Grenze. Wir wollen nicht, dass die eigene Gruppe oder Ideologie permanent und aggressiv beworben wird, etwa durch das aufdringliche Verteilen von Flyern oder auch das unverhältnismäßige Dominieren von Diskussionsrunden. Wir lehnen es ab, wenn auf dem Camp Menschen für eine Organisation angeworben werden, ohne dass die Personen aus der Organisation ehrlich darüber sind, was das für diese Menschen bedeutet.
Wir dulden kein manipulatives oder verletzendes verbales Verhalten, physische Gewalt oder Outcalling von Klarnamen.
Unsere Arbeit als SCC Orga ist keine Dienstleistung. Wir versuchen ein vielfältiges Programm darzustellen und können nicht garantieren, dass kein problematisches Verhalten aufkommt.
Wir wünschen uns einen selbstorganisierten Umgang, eine gute Streitkultur und Gleichberechtigung. Wir möchten auf dem Camp einen Raum schaffen, an dem Menschen bewusste Entscheidungen treffen können.
Symbole und Nationalflaggen
Das SCC spricht sich für eine Welt ohne Grenzen und gegen die Glorifizierung von Nationalstaaten aus.
Wir sind der Meinung, dass Nationalismus oder nationale Bewegungen als Ideen dazu führen, dass es zu mehr Gewalt, Krieg und Unterdrückung und Hierarchien kommt. Das Orga-Team des SCC wünscht sich daher ein Camp frei von Nationalismus und nationalistischer Symbolik, worunter auch Nationalflaggen gehören.
Gleichzeitig sind Nationalflaggen oft ein Symbol in antikolonialen Kämpfen, um auf Unterdrückung aufmerksam zu machen und Flaggen können stellvertetend für emanzipatorische Kämpfe stehen, die weit über die Bedeutsamkeit von Nationalstaaten hinausreichen.
Wir bitten alle Teilnehmenden darum, sensibel mit diesem Spannungsfeld umzugehen und sich in Konflikten selbstständig kritisch damit auseinanderzusetzen, welche Symbole mit welcher Geschichte auf dem Camp zu sehen sind. Dabei wollen wir besonders darauf aufmerksam machen, dass Flaggen für unterschiedliche Menschen unterschiedliche Bedeutungen haben und triggernd wirken können. Wir bitten deshalb gerade in diesem Zusammenhang um einen kooperativen Umgang miteinander, damit unterschiedliche Bedürfnisse diesbezüglich Raum haben können. Wir sind solidarisch mit den Kämpfen von Menschen gegen unterdrückerische, gewaltvolle und hierarchische Strukturen.
Umgang Miteinander
Wir sehen das Camp als einen Ort, um die Utopien, die wir uns wünschen, praktisch umzusetzen. Wir wollen zusammen für eine befreitere und gerechtere Welt kämpfen und diesen Werten auch im Umgang miteinander nachkommen.
Wir wissen, dass Sicherheit für jeden Menschen etwas anderes bedeuten kann und kein Ort all diesen verschiedenen Bedürfnissen gerecht werden kann. Trotzdem, wollen wir, dass so viele Menschen wie möglich sich auf dem Camp sicher fühlen können. Wir wünschen uns, dass sich Teilnehmende und Besuchende darüber im Klaren sind, dass sie dazu beitragen, inwieweit sich Menschen auf dem Camp sicher fühlen.
Dies gilt selbstverständlich für die körperliche Unversehrtheit – Wir lehnen daher jede Form von körperlichen und psychischen Angriffen auf dem Camp ab.
Wir sind zudem ausdrücklich gegen jede Form von diskriminierendem Verhalten*.
Uns ist dabei bewusst, dass Diskriminierung von jedem von uns reproduziert wird und Teil unserer Handlungen, Aussagen und Strukturen ist. Wir sehen es als Verantwortung aller Menschis, selbst auf einen diskriminierungssensiblen Umgang miteinander zu achten. Hierzu gehört sich mit eigenem Verhalten und Einstellungen kritisch auseinanderzusetzen, im eigenen Umfeld sensibel für diskriminierende Äußerungen oder Taten zu sein und diese im Zweifel zu benennen bzw. zu diskutieren.
Dazu könnt ihr haufenübergreifende Treffen oder die Haufen selbst nutzen und euch auch sonst immer gerne untereinander austauschen. Falls ihr dabei emotionale Unterstützung braucht, könnt ihr euch außerdem an die Awareness wenden und im Konfliktfall an die Mediation.
Gleichzeitig sehen wir in einem so vielseitigen Camp auch die Chance eines Lernraums, in dem Menschen mit sehr unterschiedlichen Betroffenheiten und Wissenständen zu Diskriminierungen zusammenkommen. Wir wünschen uns, dass alle auf einen achtsamen Umgang miteinander achten.
* Hierzu gehören unter anderem Diskriminierungsformen wie Sexismus, Ableismus, Klassismus, jede Form von Antisemitismus, jede Form von Rassismus (beispielsweise antimuslimischer Rassismus, Gadje – Rassismus, anti-Schwarzer Rassismus, …), Queer-Feindlichkeit, Ageism, … um nur einige Beispiele zu nennen.
