Einordnung SCC 24 & 25
In den letzten beiden Jahren kam es auf dem Camp zu Konflikten rund um das Thema Israel/Palästina. In dem Kontext wurde uns als Orga sowohl vorgeworfen, antideutsch/zionistisch, als auch antisemitisch eingestellt zu sein oder gehandelt zu haben. Wir als Camp-Orga haben die letzten beiden Jahre Fehler gemacht. Diese sehen wir unter anderem in Bezug auf eine unzureichende kollektive Vorbereitung auf mögliche Konflikte, eine fehlende klare Solidarisierung mit den Menschen in Palästina und Teilen der palästinensischen Solidaritätsbewegung im Camp 2024 und eine fehlende klare Distanzierung von Antisemitismus und antisemitischen Vorfällen auf dem Camp und aktive Solidarität mit jüdischen Menschen in unserer Bewegung. Ohne genau auf alle Vorfälle und Details eingehen zu können, wollen wir uns für die Vorfälle entschuldigen, in denen es zu Verletzungen kam, auf die wir nicht genug vorbereitet waren oder auf die wir nicht angemessen reagiert haben.
Außerdem wollen wir hier einmal auf die entscheidenden strukturellen Punkte eingehen, die unserer Einschätzung nach diese Fehler ermöglicht haben.
Wir können nicht auf alle Fehler eingehen, die auf dem Camp passiert sind und auch nicht versprechen, dieses Jahr keine Fehler mehr zu machen. Aber wir wollen versuchen, aus den vergangenen Jahren zu lernen, diskriminierenden Vorfällen stärker vorzubeugen und uns besser auf verschiedene Situationen vorzubereiten. Dazu laden wir auch alle Camp-Teilnehmenden ein.
Aus dem Camp 2024 hat sich 2025 eine starke Solidarisierung mit den Menschen in Palästina und eine engere Zusammenarbeit mit Gruppen der palästinensischen Solidaritätsbewegungen entwickelt. Leider fehlte aber eine vergleichbare Dynamik in Bezug auf die Solidarität mit jüdischen Menschen. Daraus ergab sich, dass jüdische Menschen sich auf dem Camp zum Teil nicht willkommen oder sicher gefühlt haben und einige das Camp sogar verlassen haben.
Diese fehlende Solidarität und eine fehlende Sensibilität gegenüber Antisemitismus lässt sich an zwei Beispielen verdeutlichen.
- Umgang mit Plakaten jüdischer Geiseln der Hamas der Gruppe Honestly Concerned: Auf dem Camp in Frankfurt haben Menschen der Gruppe Honestly Concerned Plakate mit Fotos der israelischen Geiseln der Hamas aufgehägt. Die Plakate enthielten außerdem einseitige Schilderungen des Israel-Palästina-Konflikts und deutsche Nationalflaggen (Nationalflaggen nicht-unterdrückter Staaten werden auf dem Camp abgelehnt – siehe Rote Linien).
Der Umgang der Camp-Teilnehmenden mit den Plakaten war unterschiedlich. Einige klebten Teile der Plakate (wie etwa die deutschen Nationalflaggen) ab, andere entfernten nur die Texte, andere hängten Texte dazu, die die Plakate einordnen sollten. Schlussendlich wurden die Plakate aber immer wieder von einigen Camp-Teilnehmenden abgerissen. Die Plakate bzw. Fotos wurden dann entsorgt. Das war für einige Menschen, vor allem jüdische Menschen, verletzend und respektlos gegenüber den Geiseln und getöteten Menschen auf den Fotos
- Farbbeutelwurf: Die Konflikte mit der Gruppe Honestly Concerned spitzten sich in einem Farbbeutelwurf von Camp-Teilnehmenden auf einen Gegendemonstranten der Gruppe zu. Dabei wurde rote Farbe verwendet, welche bewusst oder unbewusst an Blut erinnert. Blut wird immer wieder in Bezug zu verschiedenen antisemitischen Erzählungen und Verschwörungstheorien (Ritualmordlegende) genutzt. Ob gewollt oder ungewollt hat der Farbbeutelwurf dadurch eine antisemitische Bildsprache erzeugt.
- Fehlende Vorbereitung: Wir haben es als Camp-Orga verpasst, genügend gegen eskalierende Stimmung vorzubeugen und z.B. mit den jüdischen Organisationen vor Ort frühzeitig in Kontakt zu gehen, um uns über unseren Umgang mit Antisemitismus und der jüdischen Geschichte vor Ort auszutauschen. Das Camp 2025 fand in einem Park statt, der einer jüdischen Familie gehörte und der ihnen 1935 von den Nationalsozialisten gestohlen wurde. Dies wurde weder thematisiert, noch haben wir uns die dadurch bestehende emotionale Bedeutung des Parks bewusst gemacht.
Die Konflikte rund um die Plakate und besonders der Farbbeutelwurf wurden außerdem stark von Medien aufgegriffen und das gesamte Camp wurde in der Öffentlichkeit als antisemitisch wahrgenommen. Hier fehlte es an einer klaren Gegenhaltung und Solidarisierung mit jüdischen Menschen aus dem Camp heraus, sowohl intern als auch öffentlich.
Wir bedauern vor allem, dass es auf dem Camp für jüdische Menschen nicht genug emotionale und politische Unterstützung gab und dass es nicht genug Raum zum Austausch über die Vorfälle gab.
Dies lag auch daran, dass es in dem Camp keine gemeinsamen Diskussionsräume (Camp-Plena) gab und bestehende Informationskanäle (Camp-Ticker) nicht ausreichend genutzt wurden, um Menschen zu informieren und ihnen die Möglichkeit zum Reagieren zu geben.
Ein weiteres Problem sehen wir in der Konzentrierung der Verantwortung und Macht in der Camp-Orga. Dadurch, dass es keine Plena gab (und weder von den Teilnehmenden noch von der Orga welche einberufen wurden) war es für die Menschen, die Öffentlichkeitsarbeit gemacht haben, unmöglich, eine auch nur annähernd repräsentative Antwort auf die Vorfälle aus dem Camp an die Öffentlichkeit zu tragen. Gleichzeitig lag der Zugang zu den Medien durch Pressearbeit bei der Orga. Sicherlich spielt auch mit, dass Menschen aus der Camp Orga durch viele Aufgaben & Überlastung nicht die nötigen Kapazitäten hatten, um Prozesse mit dem gesamten Camp anzustoßen.
Strukturelle Änderungen 2026
Aus diesen Feststellungen haben wir dieses Jahr strukturelle Änderungen vorgenommen:
Es soll wieder Plena auf dem Camp geben und die Aufgaben auf dem Camp, Öffentlichkeitsarbeit inbegriffen, sollen von allen Camp-Teilnehmenden gemacht werden können. Diesen Kollektivierungsprozess nennen wir Haufenkonzept.
Um einen kollektiven Umgang mit eventuellen diskriminierenden und grenzüberschreitenden Vorfällen dieses Jahr zu finden, gibt es neben einer Awareness für emotionale Unterstützung und einer Gruppe für Konfliktmoderation dieses Jahr auch die Möglichkeit, in sogenannten Betroffenenvernetzungen und herrschaftskritischen Runden Prozesse voranzutreiben und sich auszutauschen. Diese Treffen können alle Camp-Teilnehmenden selbstständig gründen und sich mit weiteren interessierten Menschen zusammensetzen um Vorfälle, Positionen und andere Themen zu diskutieren. Die Gedanken und Vorschläge aus den Gruppen können dann über Treffen ins ganze Camp getragen werden.
Außerdem sollen ein Antidiskriminierungskonzept und die Roten Linien des Camps besser an alle Camp-Teilnehmenden kommuniziert werden.
Wir wünschen uns insgesamt von allen Campteilnehmenden einen achtsamen Umgang und dass sie reagieren, wenn Grenzen überschritten werden, auch wenn sie nicht selbst betroffen sind.
Positionierung der Camp-Orga
Fakt ist, dass es auf dem Camp zu Situationen gekommen ist, die für Menschen mit unterschiedlichen Positionierungen, Betroffenheiten und politischen Einstellungen und aus unterschiedlichen Gründen verletzend waren. An diesem Punkt möchten wir unsere Verantwortung als Camp-Orga dafür anerkennen und gleichzeitig den offenen und kollektiven Charakter des Camps benennen. Die Camp-Orga kann und möchte nicht alles auf dem Camp kontrollieren. Stattdessen wollen wir auf dem Camp einen kollektiven Raum schaffen, in dem verschiedene Positionen innerhalb eher weit gefasster roter Linien diskutiert werden können und in dem alle Menschen Verantwortung dafür übernehmen, was auf dem Camp passiert und wie sich andere damit fühlen. Wir wollen dabei einen Diskursraum schaffen, der an manchen Stellen auch so weit ist, dass widersprüchliche Positionen darin Platz finden. Unser Ziel liegt in der Stärkung von Gemeinsamkeiten und dem Fördern der Fähigkeit, auch Widersprüche auszuhalten.
Gleichzeitig haben wir natürlich auch eine gewisse Wertegrundlage, die das Camp und den Raum, den wir eröffnen, einrahmt und die es braucht, um zusammen arbeiten zu können. Die SCC-Orga ist allerdings ein offener und dadurch sich ständig wandelnder und heterogener Zusammenschluss von Menschen mit unterschiedlichen Hintergründen und Positionen, was dazu führt, dass diese Wertegrundlage ebenfalls nicht in allen Feinheiten beständig ist. Gleichzeitig ist die überwiegende Mehrheit der Menschen in der Camp-Orga momentan neben anderen Privilegierungen weiß-christlich sozialisiert und deutsch. Damit fehlen viele wichtige Erfahrungen mit verschiedenen Diskriminierungsformen und Befreiungskämpfen und damit auch wichtige Perspektiven, gleichzeitig ist die Camp-Orga auch eine Gruppe, in der Betroffenheiten zum Thema vertreten sind. Trotz dieser Einschränkungen wollen wir hier nun ein paar Werte und Haltungen benennen, für die wir eintreten wollen:
Wir sind klar solidarisch mit den Menschen in Palästina und unterstützen Bewegungen, die auf ein Ende des Genozids durch die rechtsextreme Regierung Israels und der Unterstützung der deutschen Regierung dabei ausgerichtet sind. Wir möchten, dass das Camp einen Beitrag zu den Teilen dieser Bewegungen leisten kann, die sich im Rahmen unserer Grundwerte und roten Linien befinden. Wir wünschen uns, dass das Camp ein Raum für die Solidarität mit Palästinenser*innen sein kann und verurteilen die Kriminalisierung der Palästina-solidarischen Bewegung in Deutschland. Für uns ist auch klar, dass ein Ende des aktuellen Völkermords nur ein Anfang sein kann und nicht das Unrecht der schon lange andauernden und immer wieder tödlichen Besatzung, Vertreibung und Diskriminierung beendet, der Palästinenser*innen ausgesetzt sind.
Wir wollen auch klar machen, dass das Camp kein Safer Space für palästinensische/palästinasolidarische Menschen ist. Unter anderem die Medien haben beim letzten SCC palästinasolidarischen Protest per se mit Antisemitismus gleichgesetzt und kriminalisiert. Unter anderem wurde auch eine Person die ein Kufiya trug während des Camps angegriffen.
Gleichzeitig sprechen wir uns klar gegen Antisemitismus aus und verurteilen die Instrumentalisierung des Genozids als Rechtfertigung für Hass und Antisemitismus gegenüber Jüd*innen. Der Großteil der Camp-Orga hält dabei die IHRA-Definition (International Holocaust Remembrance Association) zu Antisemitismus für nicht zielführend und orientiert sich eher an der JDA (Jerusalem Declaration on Antisemitism). Gleichzeitig kritisieren wir auch, dass diese Deklarationen Teil von nationalistischen Strukturen sind und glauben, dass daher weder die eine noch die andere einen Entwurf einer befreiten Welt ermöglicht. Wir nehmen auch wahr, dass in Teilen der Palästina-Solidaritätsbewegung der Antisemitismus verbreitet ist. Wir verurteilen die Kontinuität und den aktuellen Anstieg antisemitischer Gewalt und die mangelnde Solidarität mit jüdischen Menschen in Deutschland und an vielen anderen Orten. Ebenso verurteilen wir das Massaker der Hamas und anderer Gruppen am 7. Oktober 2023. Diese Gewalt ist für uns keine Form legitimen Widerstands.
Wir laden Menschen ein, zusammenzukommen und voneinander zu lernen und sich zu streiten und wir laden dabei insbesondere weiß-christliche und anderweitig privilegierte und nicht direkt betroffene Teilnehmende (was durchaus auch nicht-weiße Menschen einschließt) ein, zuzuhören und zu versuchen, Brücken zu bauen und zu diskutieren, statt Gespräche mit Schlagworten und Vorwürfen struktureller Gewalt vorschnell zu beenden. Wir sind uns bewusst, dass das Thema für viele Menschen sehr emotional und persönlich ist und wünschen uns deshalb einen achtsamen Diskurs, der nicht vereinfacht oder pauschalisiert, sondern der Komplexität der Situation gerecht wird, sich nicht hinter akademisierter Sprache versteckt und alle Menschenleben gleich würdigt.
Das SCC soll ein Raum des Lernens sein, der offen für Menschen mit unterschiedlichen Hintergründen und Wissensständen ist. Dadurch wird es vermutlich leider nicht vermeidbar sein, dass es bei Auseinandersetzungen mit dem Thema Israel/Palästina zu Grenzüberschreitungen kommt, die verletzend sein können – besonders für Menschen, die selbst betroffen und durch die ständige Konfrontation mit gewaltvollen Realitäten ausgelaugt sind. Deshalb bitten wir alle, auf ihre eigenen Grenzen und die anderer zu achten. Wir hoffen, dass wir größere Konfliktsituationen zwischen Einzelpersonen und/oder Gruppen auf dem Camp dieses Jahr alle zusammen besser navigieren können und laden deshalb alle Teilnehmenden dazu ein, auf dem Camp selbstständig darauf zu achten, dass diskriminierendes/verletzendes Verhalten erst gar keinen Raum einnehmen kann. Solltet ihr überfordernde Erfahrungen machen, könnt ihr euch an das Awareness-Team wenden. Das Awareness-Team kann euch emotional unterstützen und euch helfen einen Umgang mit den erlebten Situationen zu finden, ist aber nicht zuständig für Konfliktmediation oder Lösungen auf Camp-Ebene.
Sollten Konflikte auftreten, wünschen wir uns, dass die Konfliktparteien versuchen, unter sich eine Lösung zu finden. Für Support bei Konfliktgesprächen könnt ihr euch ans Mediationsteam wenden, welches versuchen wird, euch im Rahmen seiner begrenzten Kapazitäten zu unterstützen. Die Camp-Orga ist nicht die richtige Anlaufstelle für solche Situationen. Wir haben weder die nötigen Kapazitäten noch die Kompetenzen, in Konfliktfällen zu vermitteln, noch sehen wir unsere Rolle darin, autoritär zu bestimmen. Wir mischen uns nur ein, falls die roten Linien, die wir definiert haben, überschritten werden.
Wir vertreten eine antiautoritäre Grundhaltung. Wir sind gegen jegliche Art von Unterdrückung und gewaltvolle Hierarchien. Wir wollen solidarisch sein mit Widerstand von unten und den linken und/oder anarchistischen emanzipatorischen Kräften in Palästina, Israel und überall sonst. Da wir das Gefühl haben, dass in der Vergangenheit unsere antiautoritäre Grundhaltung als fehlende Solidarität mit unterschiedlichen politischen Kämpfen, mit denen wir durchaus solidarisch sind, missverstanden wurde, haben wir noch unsere momentane Position zu zwei konkreten Themen, Nationalflaggen und autoritäres Verhalten auf dem Camp, ausformuliert.
